Er wuchs unter Stalins Regime auf, überlebte drei Jahre im Konzentrationslager und floh während des Ukrainekriegs. Mikola Urban erzählt von seinem Leben. Teil 1.
9. Oktober, 10 Uhr:
Mikola Urban hat sich schick gemacht. Er trägt ein weiss-blaues Hemd mit Längsstreifen und darüber ein schwarz-weisses Hawaii-Hemd mit Blumen. «Bonjour», sagt er mit einem breiten Lächeln und setzt sich an den runden Tisch. Seine hellen Augen leuchten. Er redet auf Ukrainisch weiter. Ich verstehe nichts. Er zeigt auf seine Augen, dann auf die Sonne und kneift die Augen zusammen. Ich verstehe. Er steht auf und setzt sich auf den Stuhl gegenüber – die Sonne ist jetzt hinter ihm. «Besser», sagt er – oder zumindest nehme ich das an.
Der 99-jährige Ukrainer flüchtete vor zweieinhalb Jahren bei Ausbruch des Krieges in der Ukraine in die Schweiz. Er lebt seither im Kanton Freiburg. Seit diesem Sommer ist sein Zuhause das Foyer des Coquelicots in Givisiez – ein Pflegeheim für Flüchtlinge. Im Restaurant des Foyers treffe ich mich zum ersten Mal mit ihm. Auf diese erste Begegnung folgten noch zwei weitere Treffen. Der Mann, der immer Bonbons in seiner Hemdtasche versteckt und diese gerne verschenkt, hat viel zu erzählen. Leila Javakhishvili, die Leiterin des Zentrums, übersetzt.
Information
Gespräche mit Zeitzeugen liefern lebendige Berichte. Die Wahrnehmung historischer Ereignisse ist subjektiv gefärbt. «Zeitzeugen sagen durch Betonungen und Weglassungen etwas über den Zeitpunkt des Gesprächs oder des Erinnerns aus, weniger über die erzählte Zeit in der Vergangenheit», sagt Geschichtsprofessor Siegfried Weichlein. «Sie sind unverzichtbar für die Geschichte der Erinnerung.» Sie sind keine Quellen dafür, wie es wirklich war. km
Wenig Essen
Urban wurde am 19. Dezember 1924 in Charkiw, der zweitgrössten Stadt der Ukraine, geboren. Seine Mutter stammte aus einem kleinen Dorf unweit der Grossstadt. Sein Vater kam auch aus Charkiw und hatte österreichische Wurzeln.
Urban lebte mit seinen Eltern und seiner Schwester in Charkiw. Sein Vater arbeitete in einer Holzfabrik, seine Mutter war Hausfrau. Die Kindheit war hart. Es gab wenig zu essen und viel Armut. «Ich habe viel Zeit damit verbracht, für Essen anzustehen», sagt er. Es gab nicht genug für alle. Er erinnert sich an eine schwere Hungersnot während seiner Kindheit. «Im Dorf meiner Mutter sind fast alle daran gestorben», sagt er.
Dieser Hungersnot, für die das sowjetische Regime unter Josef Stalin verantwortlich war, fielen Anfang der 1930er-Jahre mehrere Millionen Menschen zum Opfer. Die Tragödie ging unter dem Namen Holodomor in die Geschichte ein. Ende September hat der Nationalrat den Holodomor als Völkermord anerkannt – eine symbolische Geste an die Ukraine.
Sport in der Kälte
Urban mochte die Schule, aber nicht so sehr das Lernen. «Ich war nicht sehr brav», sagt er und lacht. Er hatte viele Freunde und machte viel Sport. Er ging schwimmen, fuhr Ski und spielte Fussball. «Das alles hat mich abgehärtet und mir auf meinem Lebensweg geholfen», erzählt er.
Seine Mutter starb 1937 im Alter von 37 Jahren. Urban erinnert sich, dass sein Vater daraufhin ein Dienstmädchen einstellte, um die Kinder grosszuziehen. Urban mochte diese Frau.
Auf die Frage, was seine schönsten Kindheitserinnerungen seien, weiss Urban keine richtige Antwort. Seine Kindheit war geprägt von Hunger und Armut. Es gab nichts Besonderes, keine Familientraditionen, keine Erinnerungen, so Urban.

Dem Widerstand geholfen
Im Juni 1941 marschierten die Deutschen in die Ukraine ein. Urban hatte gerade die obligatorische Schulzeit beendet. Zusammen mit seinem Vater unterstützte er heimlich ukrainische Widerstandskämpfer. Diese versteckten sich in einem Waldstück unweit von Charkiw. Zu dieser Zeit arbeitete sein Vater in einer Salzfabrik. Er brachte den Kämpfern Salz, das diese gegen Lebensmittel eintauschen konnten. Ein gefährliches Unterfangen. Denn, wenn die Deutschen Urban und seinen Vater erwischten, drohte die Deportation in ein Konzentrationslager oder, schlimmer noch, der Tod. «Wir kannten die Konsequenzen. Wir haben es trotzdem gemacht», sagt er. Am Anfang begleitete er seinen Vater, mit der Zeit ging er die Strecke allein.
Verraten
1942 wurde er auf dem Heimweg von den Deutschen verhaftet. Jemand hatte ihn verraten, da ist sich Urban sicher. Ukrainische Kollaborateure, meint er. «Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag», sagt Urban. «Ich hatte keine Angst, aber ich war beunruhigt.» Warum er keine Angst hatte, kann er sich nicht so recht erklären. Er sei vorbereitet gewesen, sagt er, und habe gewusst, dass es eines Tages so weit sein würde. «Ich war jung, gesund und sicher, dass ich das Konzentrationslager überleben würde.»
In Waggons wurde er zusammen mit Tausenden anderen Ukrainern in das Konzentrationslager Sachsenhausen in Deutschland verschleppt.
Im Konzentrationslager lebte er in einer Baracke mit Stockbetten. Urban erzählt von den Bettwanzen und kratzt sich bei der Erinnerung daran mit der Hand am Arm. Das Lager war von einem elektrischen Stacheldraht umzäunt und von SS-Leuten bewacht. Seine Kleider durfte er zu Beginn behalten. Seinen Pass und seinen Militärausweis konnte er verstecken. «Ich war sehr schüchtern, habe kaum mit jemandem gesprochen, ich hatte keine Freunde.» Es waren viele Ukrainer da – viele Kriegsgefangene, Juden, aber auch Homosexuelle, Roma und Sinti waren im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. An den Alltag kann er sich nicht mehr so genau erinnern. Er wollte nur überleben.
Stalins Sohn
«Ich war mit Stalins Sohn im Konzentrationslager», sagt Urban. Jakow Dschugaschwili war Offizier der Roten Armee und der älteste Sohn Josef Stalins. Er starb 1943 im Konzentrationslager Sachsenhausen. Stalin war zuvor nicht bereit gewesen, seinen Sohn gegen einen deutschen General in sowjetischer Gefangenschaft auszutauschen. «Man tauscht keinen Soldaten gegen einen General», habe er damals gesagt und seinen Sohn dem Schicksal überlassen.
Stalins Sohn hat Urban nie getroffen. Nur von ihm gehört.
Die Arbeit
Nach etwa einem halben Jahr wurde Urban zum Unternehmen Demag in der Nähe von Berlin zur Zwangsarbeit geschickt. In welchem Werk der Demag, weiss er nicht mehr. Er kam in ein Aussenlager des KZ Sachsenhausen.
In der Produktion setzte die Demag bereits seit 1940 Zwangsarbeiter ein. Dabei handelte es sich um Kriegsgefangene, die aus den von Deutschland besetzten Ländern verschleppt worden waren. Das geht aus der Chronik des Unternehmens hervor. Über 3600 Menschen arbeiteten unter Zwang bis Ende 1944 in den verschiedenen Werken des Unternehmens.
Dort produzierte Urban zusammen mit anderen Zwangsarbeitern aus dem Konzentrationslager unter unmenschlichen Bedingungen Motoren. Ausserdem wurden sie gezwungen, Schützengräben für die Deutschen auszuheben. Ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben arbeitete sich Urban dort fast zu Tode. «Wir haben kaum etwas zu essen bekommen. Die Arbeit war sehr schwer. Viele sind gestorben», sagt Urban.
Zu essen gab es nur eine stark mit Wasser verdünnte Suppe aus Weisskohl und Rote Beete – daran kann er sich noch gut erinnern. Etwas Nahrhaftes gab es nicht. Um zu überleben, suchte Urban deshalb nach Essensresten in den Küchenabfällen. «Mein Traum war es, einmal genug zu essen zu haben. Wenigstens einmal. Das war unser aller Traum.»
Mehrfach betont er, wie anstrengend die körperliche Arbeit dort war. Schikanen waren an der Tagesordnung.
Wir haben kaum etwas zu essen bekommen. Die Arbeit war sehr schwer. Viele sind gestorben.
Die Erinnerungen
An einige Geschichten kann er sich noch gut erinnern. «Darf ich dir ein kleines Geheimnis verraten?», fragt Urban mit einem Schmunzeln. «Ab und an manipulierten wir die Benzinpumpe so, dass die Motoren schneller kaputtgingen», erzählt er stolz. Es war ihr Weg, zurückzuschlagen. Auch an den Tag, als die Alliierten das Gelände bombardierten, erinnert er sich noch genau. Die Arbeiter haben sich im Bunker versteckt. Ein grosser Knall. Als sich alles beruhigt hatte und die Arbeiter aus dem Bunker kamen, sahen sie die zerstörte Fabrik. «Es war ein schrecklicher Tag», erinnert sich Urban.

Ein Glas Wein
Es ist fast Mittag. Das Essen wird hereingetragen, und der Raum füllt sich. Wir verabreden uns erneut für die nächste Woche. Mikola Urban steht schnell auf und geht in sein Zimmer. Keine fünf Minuten später ist er wieder am Tisch. Der kleine Mann hat eine weisse Plastiktüte dabei. Er stellt sie auf seinen Stuhl, holt eine offene Flasche Rotwein, eine Banane, ein Messer und zwei Tafeln Schokolade heraus. Er schenkt uns grosszügig ein, sich selbst ein bisschen weniger, wir prosten uns zu und nehmen einen Schluck. Urban trinkt das Glas in einem Zug leer. Er stellt es zurück auf den Tisch und beginnt, die Banane zu dritteln. Ist das sein Geheimnis für ein langes, gesundes Leben? Er trinke nicht oft, sagt er.
Kommentare von Maria Kafantari