Mikola Urban kehrt zurück zu seiner Vergangenheit und teilt im Rahmen des 80. Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen seine bewegenden Erinnerungen.

Im Alter von 100 Jahren ist der Ukrainer Mikola Urban an den Ort zurückgekehrt, an dem er drei Jahre lang Leid, Hunger und Schrecken erlebt hatte. Ginge es nach der NS-Regierung, hätte er dort sterben sollen. Doch er überlebte Konzentrationslager, Zwangsarbeit und den Zweiten Weltkrieg. Und ist heute einer der letzten Zeitzeugen.

Anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen wurde er von der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen für eine Woche nach Deutschland eingeladen, um an verschiedenen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Er war einer von noch fünf Überlebenden, die kommen konnten.

Frieden soll kommen

Urban hatte ein volles Programm. Gleich am Tag nach seiner Ankunft stand der erste grosse Termin an: Ein Zeitzeugengespräch mit Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, bei dem er über eine Stunde lang aus seinem Leben erzählte und Fragen aus dem Publikum beantwortete. Dort traf er auch den Botschafter der Ukraine in Deutschland, Oleksij Makejew, mit dem er sich angeregt unterhielt. Wie dieser wünscht sich auch Urban ein baldiges Ende des Krieges (wir berichteten).

Mikola Urban (links) unterhält sich mit dem Botschafter der Ukraine in Deutschland, Oleksij Makejew.

Wo er einst als Zwangsarbeiter schuftete

Ein grosser Wunsch von Urban war es, an den Ort zurückzukehren, an dem er fast drei Jahre als Zwangsarbeiter gearbeitet hatte. Es war ihm wichtig zu sehen, wie es dort heute aussieht, und zu verstehen, was geschehen ist. Er arbeitete beim deutschen Unternehmen Demag und wurde dort in der Produktion eingesetzt. Dafür kam er in ein Aussenlager des KZ Sachsenhausen.

Noch vor einem halben Jahr konnte er sich nicht erinnern, wo diese Fabrik stand. Jetzt weiss er es. In Marienfelde – einem Ortsteil des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Er produzierte Motoren und hob Schützengräben aus. Hier hat er gearbeitet, hier hat er geschlafen. Und täglich um sein Leben gebangt.

Donnerstag, 1. Mai, Marienfelde: Das Auto fährt vor, hält an, Urban steigt aus und lässt sich nicht lange bitten. Er fängt an zu erzählen und will gar nicht mehr aufhören – die Erinnerungen sprudeln nur so aus ihm heraus. Die Übersetzerin kommt kaum nach. Von der Demag-Fabrik ist heute zwar nichts mehr zu sehen. Aber die Strassen und die Gleise sind noch da. Und auch der Name der Strasse gleich um die Ecke: Wilhelm-von-Siemens-Strasse – benannt nach dem deutschen Industriellen aus der Unternehmerfamilie Siemens. Urban hat sie noch gut im Gedächtnis.

Urban geht der Strasse zum Industriegebiet entlang. «Hier stand die Baracke», sagt er. Er schlief mit «seinesgleichen». Also mit anderen Häftlingen aus der Sowjetunion. Freunde hatte er aber keine. «Ich war ziemlich schüchtern.» In anderen Holzbaracken seien Zwangsarbeiter aus anderen Ländern untergebracht gewesen, erinnert er sich – 30 bis 40 Zwangsarbeiter pro Baracke. Er zeigt nach links und sagt: «Hier stand die Kantine.» Gutes Essen gab es dort nicht. Eine stark mit Wasser verdünnte Suppe aus Weisskohl und Randen. Zu selten gab es ein Stück Brot.

Die Wachtürme der SS seien rund gewesen, meint er. Und hier sei der Stacheldrahtzaun verlaufen. Ein Bild, das er nie vergessen wird. Nur einmal habe er diesen Ort verlassen, sagt er. Er musste bei einem SS-Mann putzen gehen. Ansonsten verbrachte er seine ganze Zeit hier, wo er unter entwürdigenden Bedingungen viele Stunden ohne Pause arbeiten musste und kaum etwas zu essen bekam.

Langsam geht er die Strasse hinunter bis zu den Bahngleisen. Er schaut auf das geparkte Auto und sagt schmunzelnd: «Das war damals noch nicht da.»

«Hier gibt es so viel zu essen. Früher haben wir für jede Scheibe Brot gekämpft.»

Zwischen den Fronten

Eine andere Erinnerung, die Urban geblieben ist, betrifft genau diese Strasse. Er erzählt, wie er am Tag seiner Befreiung mit zwei anderen ukrainischen Zwangsarbeitern hier entlang gerannt war. «Auf der einen Seite schossen die Deutschen, auf der anderen Seite die sowjetischen Soldaten. Und wir sind dazwischen gerannt, um dann über die Gleise zu fliehen.» Er zeigt dabei in beide Richtungen. Zuerst habe er sich aber etwas zu essen geholt. Der Hunger war in diesem Augenblick grösser als die Angst, erschossen zu werden.

Für seine Arbeit als Zwangsarbeiter erhielt er viele Jahre nach dem Krieg von Deutschland eine finanzielle Entschädigung. Wie viel, weiss er aber nicht mehr.

Erinnerungen verstehen

«Mir geht es gut.»

Während Urban sich umschaut, versucht er sich zu erinnern, wo welche Gebäude damals standen. Das ist ihm viel wichtiger, als darüber zu reden, was das mit ihm macht. Ohnehin ist er sehr gefasst. «Mir geht es gut», sagt er immer wieder. Nicht, um sich das einzureden, denn dass es so ist, ist klar, sondern um die immer gleiche Frage der verblüfften Menschen um ihn herum zu beantworten.

Astrid Ley, die Leiterin der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, die Urban auf diesem Ausflug begleitet, sagt, es sei nichts Aussergewöhnliches, dass Überlebende an die Orte zurückkehrten, um zu verstehen, was geschehen war, und um zu sehen, wie sich alles verändert hat.

Nach einer guten Stunde geht es für Urban zurück ins Hotel: Ausruhen, essen und Schach spielen ist angesagt. «Hier gibt es so viel zu essen. Früher haben wir für jede Scheibe Brot gekämpft.»

Gedenken an den Todesmarsch

Am nächsten Tag, Freitag, 2. Mai, fand die Gedenkfeier im Belower Wald statt, in einem Waldgebiet der brandenburgischen Stadt Wittstock.

Der «Marsch des Lebens» erinnert an die Befreiung von KZ-Häftlingen.

Einen Tag vor der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen am 21. April 1945 wurden mehr als 33’000 Häftlinge zu Fuss in Richtung Nordwesten getrieben – zum sogenannten Todesmarsch. Unzureichend gekleidet, unterernährt und geschwächt mussten sie bis zu 40 Kilometer ohne wirkliches Ziel in Sicht marschieren und teilweise unter freiem Himmel übernachten. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen oder erschlagen – andere starben an Erschöpfung oder Hunger. Im Belower Wald trieb die SS ab dem 23. April 1945 mehrere tausend KZ-Häftlinge in einem provisorischen Lager zusammen.

Gemeinsam mit den anderen Überlebenden kommt Urban hierher, gedenkt der Verstorbenen und legt Blumen nieder.

Mikola Urban (rechts) gemeinsam mit dem polnischen Überlebenden Bogdan Bartnikowski.
Mikola Urban (Dritter von links) legt gemeinsam mit den anderen Überlebenden Blumen nieder.

Durch das Konzentrationslager

Am vergangenen Wochenende fanden verschiedene Gedenkveranstaltungen im Konzentrationslager Sachsenhausen statt. Das Lager liegt in der brandenburgischen Stadt Oranienburg. Zwischen 1936 und 1945 waren dort mehr als 200’000 Menschen aus 40 Nationen inhaftiert. Unter den Häftlingen waren anfangs viele Deutsche: politische Gegner des NS-Regimes, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und «Asoziale». Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges änderte sich dies: Politische Gegner des Nationalsozialismus oder der kollaborierenden Regierungen, ausländische Zwangsarbeiter und alliierte Kriegsgefangene wurden nach Sachsenhausen verschleppt. Die grössten Gruppen bildeten Bürger der Sowjetunion und Polen.

Das KZ Sachsenhausen war nicht nur ein Arbeitslager, sondern auch ein Vernichtungslager mit Gaskammer, Genickschussanlage und Krematorium. Am 22. April 1945 befreiten Einheiten der sowjetischen und polnischen Armee die noch im Lager verbliebenen Häftlinge. Dabei handelte es sich um Häftlinge, die zu schwach oder krank waren, um den Todesmarsch anzutreten, und deshalb im Lager zurückgeblieben waren.

Der Eingang des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Urban läuft mit seinem Gehstock durch das Konzentrationslager. Immer an seiner Seite ist seine Begleiterin und gute Freundin Nila. Gemeinsam passieren sie das Eingangstor des Lagers bis zur ehemaligen Häftlingswäscherei. Medien begleiten ihn. Alle wollen seine Geschichte hören, nachdem er in seinem Leben so viel Schreckliches erlebt hat, wollen wissen, wie es ihm geht und wie er sich fühlt.

Der Hundertjährige lässt sich auf alles ein und nimmt sich viel Zeit für alle Fragen. Er macht es gerne und ist dankbar für alles, was ihm hier ermöglicht wurde. «Es ist gut, sich zu erinnern, damit so etwas nicht wieder passiert», sagt er.

Während des Spaziergangs räumt er ein, dass er eigentlich nie im Hauptlager untergebracht war, sondern hier nur mit dem Zug ankam und sofort aussortiert wurde. Deshalb kenne er sich hier nicht so gut aus. «Wo ich war, waren die Wachtürme rund. Hier sind sie eckig», stellt er fest, als er sich die Wachtürme genauer ansieht, und zieht weiter. Durch die vielen Besucherinnen und Besucher, die nicht wissen, dass sich unter ihnen ein 100-jähriger Überlebender befindet. Er schreitet ein Stück weiter bis zum grossen Mahnmal für das Konzentrationslager.

Hier will er ein Foto machen.

«Es ist gut, sich zu erinnern, damit so etwas nicht wieder passiert.»

Mikola Urban vor dem Mahnmal.

Zur zentralen Gedenkfeier am Sonntag erscheint Urban in seiner Kriegsuniform, die er noch aus seiner Zeit als Soldat der Roten Armee im Kampf um Berlin besitzt. Stolz trägt er sie zu diesem Anlass. Er hat sie extra aus der Ukraine kommen lassen.

Zeichen setzen gegen den Rechtsextremismus

Die zentrale Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen fand am Sonntag, 4. Mai, an der «Station Z» statt, wo das KZ-Personal und SS-Mannschaften die Häftlinge systematisch ermordet hatten.

Alle Stühle waren besetzt, viele Teilnehmende mussten stehen. Die Überlebenden sassen in der ersten Reihe. «Dieser Tag ist allen gewidmet: den Überlebenden, den Verstorbenen und den Angehörigen», sagte Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, zur Begrüssung. Er warnte vor zunehmender Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus und erinnerte daran, wie wichtig es sei, nicht zu vergessen. «Wir müssen ein Zeichen setzen.»

Dik de Boef, Präsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, sprach den Überlebenden, die für die Gedenkveranstaltungen an den Ort des Grauens zurückgekehrt waren, seinen Respekt aus. Und auch er warnte: «Fremdenfeindlichkeit gibt es überall in Europa. Das ist alarmierend. Populistische Kräfte untergraben demokratische Institutionen und bedienen sich nationalistischer Parolen auf Kosten der Menschlichkeit.» Dagegen müsse Widerstand geleistet werden, «sonst verraten wir das Vermächtnis der Überlebenden».

Vor den Anwesenden sprach auch der Israeli Richard Fagot, ein Überlebender des Konzentrationslagers. Er erzählte, wie er neun Jahre alt war, als das Lager für den Todesmarsch geräumt werden sollte. Seine Mutter wog damals nur noch 35 Kilogramm, war krank und schwach. Sie sagte ihm, es sei ihr egal, wo sie sterbe, und sie wolle sich lieber verstecken, als auf den Todesmarsch zu gehen. So überlebten sie. «80 Jahre, das ist eine ziemlich lange Zeit und für manche ein guter Vorwand, die Ereignisse, die sich vor 80 Jahren hier abgespielt haben, endlich vergessen zu wollen», sagte er. Die Verbrechen dürften nicht geleugnet werden.

Am Ende fand die Kranzniederlegung statt. Delegierte aus zahlreichen Ländern, darunter auch die Schweiz, nahmen daran teil. Die russische Botschaft ist seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine vor drei Jahren von allen Gedenkfeiern ausgeschlossen. Dennoch gedachten die Anwesenden auch der russischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft und einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Deutschland geleistet hatten.

Er legt gemeinsam mit einer Vertreterin der ukrainischen Botschaft an der «Station Z» einen Kranz nieder. Er geht nach vorne und bleibt einen Moment stehen – länger als die anderen. Er will seinen Respekt bezeugen, für die Opfer des NS-Regimes.

Mikola Urban legt einen Kranz nieder.

Mikola Urban ist einer von fünf Überlebenden, die zum 80. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen eingeladen wurden. Der 100-jährige Ukrainer lebt aktuell in einem Pflegeheim für Flüchtlinge in Givisiez. Vom 29. April bis 5. Mai reiste er nach Deutschland und besuchte Berlin sowie das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Die FN-Reporterin Maria Kafantari begleitete ihn auf seiner Reise und berichteten aus Deutschland.

Alle Beiträge, die dabei entstanden sind: