Er wuchs unter Stalins Regime auf, überlebte drei Jahre im Konzentrationslager und floh während des Ukrainekriegs. Mikola Urban erzählt von seinem Leben. Teil 3.
25. Oktober, 15 Uhr
Ich treffe Mikola Urban wieder. Diesmal nicht am gewohnten Tisch und mit einem anderen Hemd. Er setzt sich und stellt die weisse Plastiktüte mit einer Flasche Wein auf den Stuhl neben sich. Diesmal hat er sie von Anfang an dabei. Aus seiner Brusttasche holt er noch ein paar Bonbons und gibt sie mir. Leila Javakhishvili, die das Gespräch übersetzt, hat sich etwas verspätet. Urban versucht, sich mit mir zu unterhalten, aber wir kommen nicht weit.
Der Krieg beginnt
An den Tag, als Russland vor rund zweieinhalb Jahren in die ukrainische Stadt Charkiw einmarschierte, erinnert er sich noch ganz genau. «Ich lag im Krankenhaus, als direkt daneben eine Bombe explodierte», erzählt er. Die Fenster gingen zu Bruch. Das Gebäude bebte.
«Ich habe in meinem Leben schon viel Schlimmes erlebt. Ich bin abgehärtet.» Die Bombardierung seiner Heimatstadt weckte bei Urban jedoch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. «Sie haben sogar Zivilisten angegriffen», sagt er erschüttert.
Urban war zu Beginn des Krieges im Spital. Seit einigen Jahren war der damals 97-Jährige wegen seines Gesundheitszustandes immer wieder dort. Hier traf er einen alten Freund wieder. Dieser erzählte ihm, dass er nun wegen des Krieges das Land verlassen wolle, und fragte ihn, ob er nicht mitkommen wolle. Urban überlegte, telefonierte kurz mit seinem Sohn und willigte ein. Sein Freund wollte nach Frankreich, Urban nach Deutschland. «Ich wollte nach Berlin. Ich wollte sehen, wie die Stadt jetzt aussieht. Ich habe sie nur in Trümmern gesehen. Das ist immer noch mein Traum.» Ich frage ihn, ob er keine negativen Gefühle gegenüber Deutschland habe: «Das ist alles Vergangenheit. Die Welt hat sich seitdem verändert, und die Menschen haben viel getan, um sich für die Taten im Zweiten Weltkrieg zu entschuldigen.»
Das ist alles Vergangenheit. Die Welt hat sich seitdem verändert, und die Menschen haben viel getan, um sich für die Taten im Zweiten Weltkrieg zu entschuldigen.
Der Weg in die Schweiz
Die Reise der beiden Freunde begann Anfang April im Jahr 2022. Selbst organisiert, machten sie sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Die Orientierung fiel ihnen nicht schwer. Sie erhielten viel Hilfe. Die Reise führte über Polen, Deutschland und – unerwartet und ungeplant – in die Schweiz. «Hätte ich gewusst, dass wir so nah an Berlin vorbeifahren, wäre ich ausgestiegen», sagt Urban schmunzelnd. Am 20. April kam er schliesslich in Freiburg an. Wieso genau, kann er sich nicht recht erklären. Er verbrachte eine Woche im ehemaligen NH-Hotel, in dem sich das Empfangszentrum für Geflüchtete befindet, bevor er in die Flüchtlingsunterkunft verlegt wurde.
«Er erinnert sich noch», sagt Javakhishvili und lacht. Urban habe ihr gerade erzählt, dass sie es war, die damals die Flüchtlinge in Empfang genommen habe, und er sich noch an sie erinnern könne.
Heimweh
Urban vermisst die Ukraine sehr. Zu seinem Sohn hat er noch regelmässigen Kontakt – er hat das Heimatland nicht verlassen. Am meisten vermisst Urban jedoch die Küche: vor allem Borschtsch – eine ukrainische Spezialität. Eine Suppe aus Kartoffeln, Roter Bete und Weisskohl. «Manchmal kochen wir das hier für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Die freuen sich immer sehr», sagt Javakhishvili.
Arbeit, Arbeit, Arbeit
Noch lange nach seiner Pensionierung arbeitete Urban in der Ukraine. Zuletzt in der Fabrik, in der seine Tochter arbeitete, bis er vor zwei Jahren das Land verliess. Darauf ist er sehr stolz und erzählt, dass auch sein Sohn noch lange nach seiner Pensionierung arbeitet. Am liebsten würde Urban auch jetzt – mit stolzen 100 Jahren – noch arbeiten. Am allerliebsten als Geologe, sagt er, «aber mir will keiner Arbeit geben», lacht er.
Das Rezept für ein langes Leben
Urban ist sich sicher, dass er noch ein langes Leben vor sich hat, und deshalb will er es auch geniessen. «Ich werde bestimmt 120 Jahre alt», sagt er. Und sein Geheimnis? «Das würde ich auch gerne wissen», sagt Javakhishvili und lacht.
Urban erzählt von seinem Lebensmotto: «Egal um was es geht, das Leben braucht Grenzen.» Das versucht Urban überall einzuhalten. Dazu braucht es Disziplin und Willenskraft – und die hat er, wie er sagt.
Das wahre Geheimnis
«Jetzt packt er aus», sagt Javakhishvili, hört gespannt zu und übersetzt. Und dann verrät Urban das eigentliche Geheimnis seines langen Lebens. Jeden Tag steht er um fünf Uhr auf und bewegt sich eine Stunde lang. «Sanfte Fitness» nennt er das. Dann trinkt er Wasser, gemischt mit weissem Korallenpulver. Das hat er vor vielen Jahren in einer Gesundheitszeitschrift gelesen. Ein Rezept aus Asien, wie er sagt. Angefangen hat er mit dieser Routine vor vielen Jahren, und sie ist immer noch seine tägliche Gewohnheit. Das spezielle Pulver schickt ihm jemand aus Kiew – das kann Javakhishvili bestätigen.
So unglaublich es klingt, es scheint zu funktionieren. Urban ist für sein Alter topfit. «Es geht ihm sehr gut», sagt Javakhishvili, «er macht nur die regelmässigen Gesundheitschecks.»
Blick zurück
Zum Abschied gibt er mir noch ein paar Bonbons und eine Tafel Schokolade. Urban ist ein sehr grosszügiger Mensch. «Gott gibt uns viel. Da müssen wir auch etwas zurückgeben», sagt er.
Am 19. Dezember feiert er seinen 100. Geburtstag. Er freut sich sehr auf das Fest und hat das ganze Flüchtlingsheim eingeladen. «Ich hätte nicht gedacht, dass der Krieg so lange dauern würde», sagt er. Damit habe niemand gerechnet. «Ich hoffe, dass der Krieg bald vorbei ist», sagt Urban hoffnungsvoll. Ob er danach in die Ukraine zurückkehren wird, weiss er noch nicht. Das hängt davon ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden.
Er will nämlich wieder heiraten, erzählt er. Nach seinem Geburtstag. Eine Freundin hat er allerdings noch nicht. Er wünscht sich eine Frau an seiner Seite. Für sie würde er auch wieder arbeiten gehen, um genug Geld zum Leben zu verdienen. Denn er liebt die Liebe.
Kommentare von Maria Kafantari