Er wuchs unter Stalins Regime auf, überlebte drei Jahre im Konzentrationslager und floh während des Ukrainekriegs. Mikola Urban erzählt von seinem Leben. Teil 2.

Das Leben nach dem Krieg geht weiter
Quelle: Aldo Ellena
Er wuchs unter Stalins Regime auf, überlebte drei Jahre im Konzentrationslager und floh während des Ukrainekriegs. Mikola Urban erzählt von seinem Leben. Teil 2.
18. Oktober, 10 Uhr:
Ich treffe Mikola Urban wieder. Ich warte am selben runden Tisch im Restaurant des Foyers des Coquelicots. Wieder trägt er das gleiche schwarz-weisse Hawaiihemd mit Blumen. Wieder gibt er mir Bonbons. Ein «Nein, ich habe schon welche» wird nicht akzeptiert. Ich nehme sie an, nicke, lächle und mache mit dem Gespräch dort weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben. Leila Javakhishvili, die Leiterin des Zentrums, setzt sich zu uns und übersetzt.
Unmenschliche Verhältnisse
Die Zeit im Konzentrationslager war für Urban sehr schwer. Er war in ständiger Todesgefahr. Er musste unter entwürdigenden Bedingungen viele Stunden ohne Pause arbeiten und bekam nicht genug zu essen. Urban erzählt sehr gefasst von dieser Zeit. Emotionen sind ihm nicht zu entlocken. Hatte er Angst? «Natürlich hatte ich Angst zu sterben. Jeder hatte Angst», sagt Urban.
Der letzte Tag
Er kann sich noch gut an den letzten Tag im Konzentrationslager erinnern. Aber weder er noch die anderen ahnten, dass es ihr letzter Tag sein würde. «Wir hatten kein Radio und natürlich auch kein Fernsehen. Wir wussten nicht, dass die Deutschen am Verlieren waren. Wir dachten jeden Tag nur an unser eigenes Überleben.» Plötzlich seien sowjetische Soldaten in die Fabrik eingedrungen. «Sie haben die Wachen umgebracht. Dann sind wir in die Küche gerannt und haben uns alles Essen geschnappt, was wir kriegen konnten», erinnert sich Urban. Der Hunger war so gross.
Zusammen mit zwei anderen Arbeitern, die ebenfalls aus Charkiw stammten, folgte er dann einem Soldaten nach draussen. «Was mit den anderen Arbeitern passiert ist, weiss ich nicht. Ich habe nicht zurückgeschaut.» Er ist um sein Leben gerannt. Denn auf sie sei geschossen worden. Der Soldat, Urban und die zwei anderen Arbeiter seien durch ein Weizenfeld gerannt und hätten sich dort versteckt. Auf der anderen Seite stand ein Pferd. «Ich war der Kleinste, also stieg ich mit dem ganzen Essen auf das Pferd. Die anderen liefen neben mir her.» Gemeinsam gingen sie zum sowjetischen Militärstützpunkt und liessen sich dort registrieren.
Noch nicht nach Hause
Doch an Heimkehr war nicht zu denken. «Wir wurden gefragt, ob wir uns der Armee anschliessen wollen, um den Krieg zu beenden», sagt Urban. Und er antwortete: «Natürlich. Das wollten wir alle. Wir wollten helfen und kämpfen. Etwas anderes kam nicht infrage.» Sie wussten, dass der Krieg von diesem Moment an nicht mehr lange dauern würde. Sie hatten genug zu essen und gute Kleidung bekommen. «Wir waren glücklich, bei unseren Leuten zu sein.»

Zwei Nächte konnten sie sich erholen, dann marschierten sie auf Berlin zu. Zwischen Ende April und Anfang Mai 1945 griffen sie die deutsche Hauptstadt von aussen an. «Entweder wir töten oder wir werden getötet. Wir hatten keine Wahl.»
Entweder wir töten oder wir werden getötet. Wir hatten keine Wahl.
In der Schlacht um Berlin erlitt er eine schwere Kopfverletzung und wurde ins Reservebataillon verlegt. Er erhielt anschliessend den Befehl, nach Weissrussland zu gehen. «Dort erfuhr ich, dass wir den Krieg gewonnen hatten, nun aber für den Krieg gegen die Japaner eingezogen werden.»
Unterwegs nach Sibirien
In Eisenbahnzügen wurden sie nach Sibirien transportiert – weit weg von der Bevölkerung im Kernland. «Unterwegs wurde uns gesagt, dass wir nicht in den Krieg ziehen, sondern nach Sibirien deportiert werden.» Das sei ihre Bestrafung gewesen. Bestrafung? Urban erklärt: «Wir wurden von den Deutschen gefangen genommen und ins Konzentrationslager gesteckt.» Dafür, und damit sie nicht Nachrichten über den westlichen Lebensstil in die Heimat bringen, wurden sie von Stalin bestraft. Niemand habe sich getraut, etwas zu sagen, sich zu wehren oder zu fliehen. Alle hätten Angst vor den Folgen gehabt. Alle hätten ihr Schicksal akzeptiert. «Stalins Persönlichkeit war bekannt. Er hat nicht einmal seinen eigenen Sohn gerettet, was hätte er für uns getan», sagt Urban resigniert. Für seinen Einsatz in der Roten Armee wurde ihm von der Regierung auch nie gedankt.
Der Zweite Weltkrieg forderte in der Ukraine etwa vier Millionen zivile Opfer, darunter eineinhalb Millionen jüdische Ukrainer. Der Geburtsjahrgang 1922 (zwei Jahre älter als Urban) hatte in der Sowjetunion die meisten Opfer im Zweiten Weltkrieg zu beklagen. Deshalb hatte die Sowjetunion nach 1945 einen enormen Frauenüberschuss. Nach dem Krieg gab es in der Sowjetunion 20 Millionen mehr Frauen als Männer.
Im Dienst der Sowjetunion
In Sibirien durfte Urban den Ort nicht ohne Erlaubnis verlassen. «Es war wie im Gefängnis.» Aber dort konnte er seinen Traumberuf ausüben: Er durfte Geologie studieren und als Geologe arbeiten. Innerhalb von fünf Jahren stieg er vom Mitarbeiter zum Chefgeologen auf, erzählt er stolz.
Urban schrieb Briefe an seine Schwester und seinen Vater. Einmal erhielt er sogar die Erlaubnis, seinen Vater in Charkiw zu besuchen – zum letzten Mal. Dieser starb 1945. «Er hatte nicht genug zu essen. Er ist verhungert», sagt Urban. In Sibirien hatte Urban wenigstens genug zu essen: «Ich bekam 1,2 Kilo Brot, während die Menschen in Charkiw nur 300 Gramm pro Woche bekamen.» Auf eine gewisse Art und Weise war er froh gewesen, dort gelebt zu haben, wo er genug zu essen bekam und nicht verhungern musste.
Die erste Liebe
1949 heiratete er eine Russin, die er in Sibirien kennengelernt hatte. «Ich habe sie sehr geliebt.» Doch das Glück währte nur kurz. Sie habe ihn betrogen, sagt Urban. Das habe ihn in eine tiefe Depression gestürzt. Er spürte die seelischen Spuren des Krieges und der Trauer. «Ich habe eine schreckliche Zeit durchgemacht.» Seine Gesundheit verschlechterte sich. Die schwere Kopfverletzung aus dem Kriegseinsatz machte ihm zu schaffen. Er wurde arbeitsunfähig.
Kurz danach wurde er in seine Heimatstadt Charkiw zurückgeschickt.
Viel gereist
Dort erholte er sich schnell und blieb nicht lange untätig. Er fand Arbeit in einem Kohlebergwerk. So kam er beruflich viel herum und arbeitete in verschiedenen Städten der Ukraine. Die Arbeit gefiel ihm sehr. Er erinnert sich noch heute an viele Dinge, die er bei der Arbeit erlebt hatte, und erzählt gerne Anekdoten.
Seine Schachgeheimnisse
In seiner Freizeit las Urban gerne. Vor allem Gesundheitszeitschriften hatten es ihm angetan. Ein weiteres Hobby ist das Schachspielen. Urban spielte und spielt sehr gerne Schach. Besonders gefällt ihm die Taktik hinter dem Spiel. Der Gegner wisse nie, was sein nächster Zug sei. Das mache für ihn den Reiz des Spiels aus. Regelmässig komme ein neunjähriger Junge zu ihm nach Givisiez, um Schach zu spielen, erzählt Javakhishvili. Urban will ihm seine Geheimnisse beibringen, damit er Schachmeister werden kann

Die Dritte
1952 heiratete er erneut. Eine Frau, die bereits eine Tochter hatte. Mit ihr hatte er einen Sohn. Aber auch diese Ehe ging in die Brüche. Im Jahr 1961 liess er sich scheiden. Einige Jahre später lernte er seine dritte Frau kennen. «Sie war meine ehemalige Nachbarin in Charkiw und ein paar Jahre jünger», erzählt Urban. 1968 kam seine Tochter zur Welt. Mit dieser Frau war er über 30 Jahre verheiratet, bis sie 1999 starb.
Keine Veränderung
Josef Stalin starb 1953. «Danach hat sich für uns nicht viel geändert.» Das Leben in der Ukraine blieb gleich, blickt Urban auf diese Zeit zurück. Die Probleme wurden nicht weniger. Auch nicht in den 1990er-Jahren, als die Sowjetunion Anfang des Jahrzehnts zerfiel und die Ukraine ihre Unabhängigkeit erlangte. «Für uns blieb alles beim Alten. Es war vorher hart, und es war nachher hart.»
Halbe Portion
An diesem Tag bleibe ich zum Mittagessen. Urban hatte mich darum gebeten. Wieder holt er aus seinem Zimmer eine Flasche Wein – die gleiche wie beim letzten Mal – und Schokolade. Dazu bringt er ausgewaschene Joghurtbecher, die er zu Weingläsern umfunktioniert hat. Darin schenkt er uns ein. Wir stossen an und essen zusammen. Aber er isst nur die halbe Portion. «Ich habe zugenommen und muss ein bisschen aufpassen», sagt er und kneift sich in den Bauch
Kommentare von Maria Kafantari